38 Grad Nord, 26 Grad Ost; Mein einschneidendes Erlebnis in der Flüchtlingsnotunterkunft

Koordinaten: 38 Grad Nord und 26 Grad Ost, mein einschneidendes Erlebnis in einer Flüchtlingsnotunterkunft

Es sind fast zwei Jahre vergangen, dass ich ein sehr emotionales Erlebnis hatte, dass bei mir immer noch Gänsehaut hervorruft. Menschen unter anderem aus Syrien und Afghanistan flüchten aus ihrem eigenen zu Hause. Hinterlassen all ihr Hab und Gut und ihre Lieben. Sie machen sich auf eine ungewisse und vor allem gefährliche Reise. Sie wollen raus aus ihren Sorgen und Nöten und hoffen auf ein freies Leben und nehmen dafür sogar ihr Eigenes in Kauf. Es sind Flüchtlinge. 

Ich sehe die Bilder im Fernsehen und kann es kaum verstehen, was da gerade vor sich geht. Im ersten Augenblick scheint alles so weit weg zu sein und uns nicht zu berühren. Einen Augenblick später ist es doch nicht so weit. Flüchtlinge kommen auch zu uns in die Gemeinde. Es herrscht eine Unruhe vor Ort. Keiner weiß was uns erwartet. Die Turnhalle in einem unserer Ortsteile soll ad hoc von den zuständigen Vereinen geräumt werden. So will es der Kreis, heißt es.

Die Bilder aus dem Fernsehen werden wahr!

Flüchtlinge kommen zu uns 

Die Turnhalle wird hergerichtet für mehrere hunderte Flüchtlinge. Das Technische Hilfswerk (THW), das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Bundeswehr und die Feuerwehr leisten innerhalb weniger Stunden eine wahnsinnige Arbeit.

Uns ist klar, es muss geholfen werden. Nachts kommen die ersten Flüchtlinge an. Alleinstehende Männer, Familien mit Kindern ältere Frauen kommen alle total erschöpft aus den Reisebussen raus. Sie müssen zuerst registriert werden. Viele Helfer sind vor Ort. Das DRK verteilt Snacks. Hunderte von Feldbetten und Decken sind bereitgestellt. Die Kinder weinen.

Betreuerin in einer Flüchtlingsnotunterkunft

Mein Einsatz als Sozialbetreuerin in einer Flüchtlingsnotunterkunft
Mein Einsatz als Sozialbetreuerin in einer Flüchtlingsnotunterkunft

Insgesamt habe ich über vier Monate vor Ort geholfen. Es gab viele einschneidende Erlebnisse. Zum Beispiel einen syrischen Mann vor der Turnhalle ohne Schuhe, geschweige denn Socken oder Handschuhen im Schnee sitzen zu sehen. Er lachte und weinte vor sich hin und versuchte wie ein Kind aus dem Schnee einen Schneemann zu bauen. Er hatte bisher weder Schnee gesehen noch in den Händen gehabt.

Eine Frau mit einem kleinen Baby, dass vor ihrem gewalttätigen Mann während der Reise nach Deutschland geflüchtet war. Ständig hatte sie Angst, wenn neue Flüchtlinge in die Halle gebracht wurden. Angst davor, ihr Mann könnte dabei sein oder jemand der sie kennt könnte ihren Standort verraten.

Koordinaten 38 Grad Nord, 26 Grad Ost

Mein einschneidendes Erlebnis in der Flüchtlingsnotunterkunft

Koordinaten: 38 Grad Nord und 26 Grad Ost, mein einschneidendes Erlebnis in einer Flüchtlingsnotunterkunft

So viele Menschen mit so vielen Geschichten. Doch dieses eine Erlebnis werde ich wohl nie vergessen. Dezember 2015. Es ist 6 Uhr, meine 8-stündige Schicht beginnt. Eigentlich sind die meisten Bewohner der Turnhalle um die Uhrzeit noch am Schlafen. Doch heute nicht alle. Eine junge syrische Bewohnerin fängt mich in einem der Gänge in der Turnhalle ab. Sie ist am Weinen und völlig aufgelöst. Sie versucht mir auf Englisch zu erklären, dass ihre Schwester auf einem Boot sitzt und kurz vor dem Ertrinken ist. Im ersten Augenblick bin ich mit der Situation total überfordert und weiß gar nicht wie und wo ich das Einordnen soll. Sie zeigt mir hastig ihr Telefon. Eine Nachricht von ihrer Schwester mit den Worten „Bitte helf uns, wir gehen gleich unter.“ Ich sage ihr, sie soll noch einmal versuchen ihre Schwester telefonisch zu erreichen und sie fragen wo genau sie ist. Schnell wählt sie die Nummer. Im Hintergrund hört man Unmengen von Geräuschen und auch die Stimmen anderer Menschen. Ich erstarre. Es ist wahr. Das was wir vom Fernsehen aus beobachten spielt sich gerade in diesem Moment ab und ich höre die verzweifelten Stimmen der Menschen, die gerade in einem dieser vielen Boote sitzen.

 

Die Schwester handelt schnell und schickt über Whatsapp die Koordinaten. Ich laufe schnell mit unserer syrischen Bewohnerin in das provisorisch hergerichtete Büro. Die Nachtschicht ist auch noch da, meine Schwiegermutter. Uns ist klar, wir müssen irgendwie helfen. Anhand der Koordinaten sehen wir, dass sich das Boot vor der Küste in der Nähe von Izmir/Türkei befindet. Wir rufen beim Krisenstab des Kreises an und bitten um Hilfe. Der Krisenstab will die Information weitergeben. Doch das reicht uns in dem Moment nicht. Abwarten wollen wir nicht. Wir suchen die Nummer der Küstenwache Izmir raus und wählen. Es meldet sich ein Mitarbeiter der Küstenwache und bestätigt uns, dass draußen ein Unwetter herrscht und bereits vergeblich nach einem Boot gesucht wird, dass sich in höchster Gefahr befindet. Fünf Menschen wurden schon aus dem Wasser gerettet aber das Boot mit den restlichen vierzig Insassen, konnte aufgrund der schlechten Wetterverhältnisse noch nicht gesichtet werden. Wir geben die Koordinaten raus. Die Küstenwache beendet schnell das Telefonat.

Die Bewohnerin ruft ihre Schwester an, diesmal geht ihr Schwager ans Telefon. Man hört wieder das verzweifelte Schreien der Insassen, auch der Kinder. Wir alle sind emotional ergriffen und haben Gänsehaut. Wir versprechen, dass wir versuchen zu helfen.

Eine halbe Stunde vergeht. Telefonisch ist weder die Schwester noch der Schwager zu erreichen. Dann kommt ein Anruf. Alle sind gerettet. Die Küstenwache konnte anhand der Koordinaten das Boot finden und alle Insassen retten. Wieder hören wir den Hintergrund. Diesmal aufgeregte Dialoge, weinen, lachen.

Wir fallen uns alle in die Arme und Weinen. Ein besonderes, nicht beschreibbares Gefühl umringt unser Inneres…

 

 

 

 

 

 

 

 

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